Verwirrend. Die Medien in der Japankrise.

Der Tsunami und der atomare GAU in Japan, unvorstellbare Zerstörung und noch nicht greifbare Auswirkungen. Ich bin nicht direkt selbst betroffen, aber auch nicht weit genug weg, um das Ganze distanziert zu betrachten. Der Wind steht günstig für uns in Shanghai, trotzdem sind viele Flüge nach Hause ausgebucht. Man hat sich selber schon oft die Frage gestellt: Ist es sicher? Macht man einen Fehler, wenn man bleibt, oder macht man einen Fehler, wenn man geht? Ich verfolge jeden Tag die Live-Newsticker im Internet. Die mediale Berichterstattung kommt mir in dieser Situation tatsächlich oft wenig Vertrauens erweckend vor. Die eine Seite spielt die Vorfälle herunter, die andere bauscht auf. Man hat sich hier selten so abhängig und gleichzeitig von den Medien verunsichert gefühlt.

Man macht sich in dieser Zeit bewusst, was für verheerende Folgen die Zurückhaltung von Information für die Betroffenen bedeuten kann. Was, wenn vor Ort viel zu spät evakuiert wird? Was, wenn der Radius zu klein gehalten wird?

 Tepco räumt ein,…

 Die japanische Regierung warnt jetzt doch davor, dass…

 Während die europäischen Medien einem schon den Super-GAU prophezeien, sind die Japaner noch dabei peu-à-peu die tatsächliche Lage preiszugeben. Es ist sehr beruhigend zu wissen, dass nur, wenn die Katastrophe offensichtlich ist, Fakten an die Öffentlichkeit gehen.

Und dann stolpere ich im Spiegel-Online-Minutenprotokoll  zum Thema Japankrise für gestern, Freitag den 18.03.2011 zwischen Nachrichten wie…

+++ 400.000 Menschen übernachten in Notunterkünften +++

+++ Kühlpumpen in Reaktoren könnten irreparabel beschädigt sein +++ oder

 +++ Mehr als 16.600 Tote und Vermisste +++

…über folgende Meldung:

+++ Lieferprobleme bei iPad2 befürchtet +++

Selbst ich – mit potentiell hohem Interesse an mobilen Medien  –  denke, hier hat sich jemand schwer in der Relevanz dieser Nachricht für diese Rubrik verschätzt. Wirklich tragisch für Apple und die armen Menschen, die jetzt ihr iPad2 nicht bekommen. Es ist kaum zu glauben, aber tatsächlich interessiert uns, die hier in Asien sitzen, diese Meldung eher weniger. Liebe Journalisten: In Anbetracht der halben Million Obdachlosen in Japan ohne Trinkwasser, Heizung und ausreichend Nahrungsmittel, den tausenden Toten und Verletzten und der atomaren Gefahr –  solche Nachrichten gehören im Moment bitte in die Rubrik Netzwelt.